Illustration von Thorsten Dittmar mit Titel
polypoly – polyVerse
2021-11-29

Thorsten, in welchem Alter hast Du Deinen ersten eigenen Computer gebaut?
In den 70ern, als ich 10 Jahre alt war. Damals gab es eben einfach nicht an jeder Ecke Computer zu kaufen. Ich habe dann mit diesem Computer angefangen zu programmieren und auch ein bisschen zu hacken.

Du hast Dich also schon früh für Computer interessiert. Wie ging es dann für Dich weiter?
Nach meiner Lehre als Elektroniker in der Montanindustrie (Stahl und Kohle) habe ich mein Abi auf der Abendschule nachgeholt und im Anschluss Informatik und Philosophie studiert. Parallel dazu habe ich mich mit 22 als Berater selbständig gemacht, um Studium und Familie zu finanzieren. Das waren spannende Zeiten. Mein erster Kunde war damals die Hamburg-Mannheimer wo ich ein Projekt geleitet habe, bei dem die Mitarbeiter:innen doppelt so alt waren wie ich.



Meine Firma ist im Laufe der Zeit organisch gewachsen und wir haben uns auf IT-Desastermanagement spezialisiert. Das kann man sich in etwa wie eine:n Insolvenzverwalter:in für IT-Projekte vorstellen. Unser Fokus lag auf der damals neuen Technologie Smalltalk, der ersten objektorientierten Programmiersprache der Welt. Wir waren damals eine der wenigen Firmen die bereits damit gearbeitet haben.

In dieser Zeit habe ich mit vielen Koryphäen wie z.B. Kent Beck, David Unger und Dan Ingalls zusammengearbeitet, die so spannende – und heute selbstverständliche – Dinge wie virtuelle Maschinen, Wiki und graphische Benutzeroberflächen entwickelt haben und die als erste mit agilem Projektmanagement unterwegs waren. Ich war damals sozusagen mittendrin im Geschehen und ich habe sehr viel gelernt.

Mit 35 habe ich dann die Firmengruppe verkauft, die zu der Zeit über 100 Mitarbeiter quer über den Erdball hatte, und habe meinen Fokus auf Charity-Arbeit und Social Impact Investment verschoben. Letzteres vor allem im vorderen Orient und Afrika. Mir war es einfach wichtig etwas zurückzugeben, denn neben viel Arbeit habe ich auch viel Glück gehabt. Dabei habe ich speziell in Projekten im nachhaltigen Tourismus, im Tech-Bereich und auch in Handwerksbetriebe investiert. Parallel dazu war ich immer noch als Berater für Digitalisierungsstrategien tätig.

Von Social Impact Investment zur Gründung von polypoly. Wie kam es dazu?

Ich habe bereits 2014 erste Anzeichen für ein großes Problem im Hinblick auf Daten und Datenschutz auf unsere Gesellschaft zukommen sehen. Damals habe ich mich intensiv mit Datenmonopolisten und Experten unterschiedlichster Bereiche aus meinem Netzwerk auseinandergesetzt und ausgetauscht und nach Firmen gesucht, die eine Lösung anbieten, in die ich hätte investieren können. Leider gab es keine die wirklich das Problem angingen und nicht nur versuchen die Symptome zu lindern. Und dann kam der Skandal um Cambridge Analytica. Also habe ich beschlossen polypoly zu gründen.

Am 4. Mai 2019, dem Star Wars Feiertag, unter dem Motto “May the force be with you“ (Möge die Macht mit Dir sein)? Einem Samstag, an dem eigentlich kein Notar arbeitet? Warum?
Nun, Science Fiction hat einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft. Viele Dinge, die früher mal Science Fiction waren, haben inzwischen ihren Weg in unser aller Leben gefunden. Und mal ehrlich, was wir machen ist kein Kinderspiel, wir legen uns mit den ganz Großen an. Da können wir jedes Quäntchen an Macht gebrauchen, das mit uns ist. Für uns war es damals einfach wichtig unter einem guten Stern zu starten. Für die Insider: ich bin mir sicher, dass Mark Zuckerberg nicht mein Vater ist!

War es dann eigentlich schon immer klar, dass das polyVerse aus einem Dreigestirn bestehen wird?
Nein, am Anfang hatten wir nur geplant die GmbH und die Coop zu gründen, also quasi die Belange der Bürger:innen (Coop) und die der Wirtschaft (GmbH) abzubilden. Um aber die Genossenschaft internationalisieren zu können und eine Art Baukasten anzubieten, war dann auch die Gründung der Stiftung nötig. So wurden wir zu einem Dreigestirn.



polypoly kann man ja nun nicht unbedingt als typisches Start-up bezeichnen. Wir haben ausschließlich Experten mit jahrelanger Erfahrung bei uns im C-Level (Führungsebene). Wurde das bewusst so entschieden?
Dafür haben wir uns bewusst entschieden. polypoly hat drei entscheidende Vorteile gegenüber den meisten Start-ups: viele erfahrene Expert:innen im Team, viel Zeit vor der Gründung, in der man sich Gedanken zur Problemlösung machen konnte und den Zugang zu einem großen Netzwerk von Spezialist:innen und Topmanager:innen, die Input geben konnten. Die meisten Start-ups können nicht auf solche Ressourcen zurückgreifen.

Diese Ressourcen sind ausgesprochen wichtig für uns, denn wir sehen uns mit einem multidimensionalen Problem konfrontiert. Es gibt für uns diverse Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, angefangen bei Volks- und Betriebswirtschaft, über juristische Themen, bis hin zur Psychologie unserer zukünftigen Nutzer:innen. Wir müssen letztere vom polyPod überzeugen und für unsere Mission begeistern. Denn nur gemeinsam sind wir stark und können etwas bewirken.



Was macht Dir bei Deiner Arbeit für polypoly am meisten Spaß?

Die Interaktion mit Menschen, die sich mit Datenschutz noch nicht wirklich beschäftigt haben und unbedarft an das Thema herangehen.

Wir Programmierer:innen sind in einer sehr privilegierten Situation. In dieser virtuellen Welt sind Gott und Teufel in einem, denn wir legen fest, ob der Apfel nach oben oder nach unten fällt.

Teilweise kommen dabei Techniken heraus, die für andere Menschen ungewohnt und daher nicht praktikabel sind. Die Interaktion mit Menschen ist ein gutes Korrektiv und zeigt einem, wo man falsch liegt.

Da wir an einem multidimensionalen Problem mit den verschiedensten Elementen arbeiten, bedeutet das für mich permanente Einarbeitung in neue Bereiche und ständiges Dazulernen. Das finde ich super und ausgesprochen spannend.

Wo siehst Du die Herausforderungen für polypoly in nächster Zeit?

Wir müssen die nötige Marktdurchdringung erreichen – das bedeutet eine bestimmte Anzahl an polyPod-Nutzer:innen, denn nur so können wir was verändern.
Des weiteren wird es darauf ankommen die Usability des polyPod so zu gestalten, dass er auch für heterogene Nutzergruppen geeignet ist – also von jung bis alt; technikaffinen bis technikscheuen; bildungsnah bis bildungsfern; arm und reich.


Weitere Herausforderungen werden darin bestehen unseren eigenen Grundsätzen treu zu bleiben – Stichwort: Marktneutralität – und das notwendige Firmenwachstum zu managen.


Welche Herausforderungen siehst Du für Dich persönlich mit polypoly?
Ich habe 5 Jahre Wissensvorsprung, da ich lange vor der Gründung das Thema erforscht habe. Das viele Wissen muss an meine Kolleg:innen weitergegeben werden, damit ich mich auf Dauer überflüssig machen kann. Dieser Wissenstransfer muss gut organisiert werden.
 Gleichzeitig muss ich offen sein, mich durch neue Kolleg:innen immer hinterfragen zu lassen.
Außerdem brauchen wir das ideale Team für polypoly und passende, vertrauenswürdige Partner:innen, damit polypoly wachsen und gedeihen kann. Das ist eine echte Herausforderung, der ich mich aber gerne stelle, denn ich glaube an polypoly, das Team und unsere Mission. Wir stehen unter einem guten Stern, denn schließlich ist die Macht mit uns.